Geschichte und Gedenkkultur am „Tag des Friedhofs“ 
von Hans Günter Thorwarth

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Als ehrenamtlicher Teilnehmer am diesjährigen „Tag des Friedhofs“, der unter dem Motto „Leben-Lachen-Freude“ stand, bemerkte ich schon während der Vorbereitungen, dass das Friedhofsamt eifrig bemüht war, „ein neues und anderes Publikum“ als sonst in den Hauptfriedhof zu locken. Als „besondere Attraktion“ und „Zugpferd“ wurde diesmal z. B. ein (kommerzieller) „Poetry-Trauer-Slam“ in der Trauerhalle angeboten.

Laut einer Umfrage am Tag des Friedhofs spielt man zukünftig mit dem Gedanken, eine Cafe-Gastronomie und/oder einen Kinder-Spielplatz dauerhaft für die Friedhofsbesucher einzurichten. Da muss man sich nicht wundern, dass weder vor noch nach der Veranstaltung in der Presse über die beiden Themenführungen zum Ehrenmal und Kriegsgräberfeld „100 Jahre Erster Weltkrieg“ berichtet wurde. Sicher hätte es in Frankfurt und Umgebung geschichtsinteressierte Menschen gegeben, die bei entsprechender Information – leider auch nicht im Einladungs-Flyer erwähnt – gekommen wären. Das wäre aber nicht nur für mich wichtig gewesen, da solche Themen-Führungen doch immer einen erheblichen Aufwand an Zeit, Kosten und Vorarbeit bedeuten.

Nicht nur zum „Tag des Friedhofs“, seit Jahren ist ein Trend zu beobachten, den Sinn und Zweck des Friedhofs durch „Spiel und Spaß“ zu verändern. Die „klassischen“ Familiengräber (und Gebühreneinnahmen) werden immer weniger und der Charakter der Friedhöfe verändert sich grundlegend. Nicht nur ältere Alleinstehende, deren Angehörige und Freunde bereits verstorben sind, auch Menschen mit Familie meinen oft, ihren Lieben die Grabpflege nicht mehr „zumuten“ zu können.  Da hat die Großmutter über viele Jahre ihre Kinder und Enkel großzügig finanziell unterstützt und mit Geschenken verwöhnt und glaubt aber jetzt nicht daran, dass sich diese in Zukunft um ihr Grab kümmern werden. Nicht nach dem Motto. „Wer erbt muss auch giessen“ bleibt ihr anscheinend nichts anderes übrig, als schweren Herzens das „alte“ Familiengrab zu „kündigen“ oder nicht mehr zu verlängern, in dem schon ihre Eltern und ihr Ehemann bestattet wurden. 

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Foto oben: Hans Günter Thorwarth auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main (Foto: © Thorwarth, 2018)
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Viele entscheiden sich immer öfter für anonyme Gemeinschaftsgräber, Friedwälder oder Seebestattungen. Diese Entwicklung muss man aber bedauern, weil damit ein weiteres Stück unserer Kultur verloren geht. Die Situation auf unseren Friedhöfen ist ein Indikator für den Werteverfall in unserer Gesellschaft. Über Generationen hat es auch zum Leben dazugehört, die Menschen aus der Gemeinschaft rituell zu bestatten und die Toten später noch in Ehren zu halten. Geburt, Taufe, Hochzeit und Beerdigung waren wichtige Anlässe, dass auch die weit verstreuten Familienmitglieder zusammen kamen. In allen Religionen und Kulturen auf der ganzen Welt wird dieses auf verschiedenste Art gepflegt. Gibt es aber für den Einzelnen kein Grab mehr, keinen Stein mit Namen und Daten, so geht auch die Erinnerung an ihn bald verloren. Es gibt damit auch für Menschen, die den Verstorbenen gut gekannt haben, aber nicht zum engsten Familienkreis gehören, keinen Ort des spontanen Besuchs oder des Gedenkens mehr. Dazu kommen die handwerklichen Berufsgruppen, die von der Friedhofskultur leben, wie Gärtner, Floristen und Steinmetze, die dadurch immer weniger werden oder sogar ganz verschwinden.

Bei dieser Tendenz des langsamen Wandels der Friedhöfe zu vielseitig genutzten „Erholungsparks“ und anderen Grünflächen sollte aber noch ein weiterer Aspekt berücksichtigt werden: Es befinden sich, gerade auf den historischen Friedhöfen wie dem Hauptfriedhof, nicht nur wunderschöne alte Bäume und Pflanzen, Zierrat aus Bronze und Eisen, Natursteine und Skulpturen, die erhaltenswert wären. Sehr viele, auch der nicht „denkmalgeschützten“ Grabsteine sind oftmals kunsthandwerklich aufwendig gestaltet und tragen somit zum einmaligen Charakter eines Friedhofs bei. 

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Aber was passiert damit seit Jahren? Die Steine verfallen, wachsen zu, Metallteile verrosten oder werden gestohlen und die Gräber werden nach Ablauf der Liegezeit abgeräumt. Wenn es sich nicht um ein vom Magistrat beschlossenes „Ehren-“ oder „Persönlichkeitsgrab“ handelt und sich ein „Pate“ für die ehrenamtliche Pflege findet, ist dieses für alle Zeit unwiederbringlich verloren.

Hinzu kommen die geschichtlich interessanten Kriegerdenkmäler, Inschriften auf Gedenktafeln, die oftmals nach dem Zweiten Weltkrieg von öffentlichen Plätzen auf die Friedhöfe „verbannt“ wurden. Zusammen mit den Ehrenmälern und Kriegsgräberanlagen für Soldaten, zivilen Bombenopfern und Zwangsarbeitern, die laut Kriegsgräbergesetz dauerhaftes Liegerecht genießen, stellen diese „steinerne Zeugen“ der Geschichte dar. So gibt es außer seltenen, vereinzelten „Veteranengräbern“ einige nur noch auf manchen Friedhöfen erhaltene „Napoleonsteine“ und Denkmäler zum Deutsch-Französischen Krieg und auf dem Frankfurter Hauptfriedhof sogar noch zwei Gedenksteine zu den Volksaufständen von 1848.
(Foto links: Denkmal-Kreuz für russische und serbische Kriegsopfer, 2018)

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass auf den Friedhöfen „steinerne Geschichtsbücher“ stehen, die für die Lebenden von großer Bedeutung sind. All das sind wertvolle Kulturdenkmäler, die es unbedingt zu erhalten gilt. Hier muss möglichst bald ein Umdenken in unserer Gesellschaft eintreten, bevor es vollkommen zu spät ist. Das Friedhofsamt kann die hohen Kosten für die Pflege mangels Gebühren-Einnahmen wegen der anfangs beschriebenen Entwicklung nicht alleine stemmen. Es bedarf weiterer privater und öffentlicher Geldgeber, wie z. B. dem Kultur- oder dem Denkmalamt.

Nicht nur für den Neubau von Museen oder subventionierte Theater und Opern sollten ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Dass es ein öffentliches Interesse, gerade an alten Friedhöfen gibt, zeigen die zahlreichen Teilnehmer bei historischen Führungen, nicht nur am „Tag es offenen Denkmals“ oder am „Tag des Friedhofs“. Durch das Aufstellen von dezenten Hinweistafeln könnten auf diese Weise die Besucher mancher „Friedhofsparks“ nicht nur spazieren und sich erholen, sondern ähnlich wie in einem „Freilicht-Museum“, etwas über die Geschichte lernen. Ganz im Sinne und frei nach dem Spruch von Heinrich Heine: „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“
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Lesen Sie hier die Beiträge des Autors:

  "Frankfurt am Main, Hauptfriedhof (Deutsche Kriegsgräber 1. Weltkrieg), Hessen" mit Namen u. Daten Gefallener.
 "Frankfurt am Main, Hauptfriedhof (1. Weltkrieg, Ausländer Westeuropa), Hessen" mit Namen u. Daten Gefallener.
 "Frankfurt am Main, Hauptfriedhof (1. Weltkrieg, Ausländer Osteuropa) Hessen" mit Namen u. Daten Gefallener.
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